13 Fragen an Martin von Survival-Kompass

Auf YouTube hat er knapp 400 Follower, auf Instagram sind es auch schon knapp 700 Fans, weiter wachsend. Seine Videos sind informativ, interessant und gut erklärt, da macht das Lernen und Zuschauen Spaß. Zusätzlich hat einen eigenen Blog auf dem er sein Wissen teilt. Dazu bietet er Survival-Kurse an.

Martin hat nach eigener Aussage früher den Wald und die Natur gemieden, weil er von seiner Familie immer mit zum langweiligen “Wandern” mitgenommen wurde. Es war öde für ihn.

Gott sei Dank hat er als Erwachsener dann die Schönheit und das Interesse an der Natur für sich entdeckt. Es zog ihn raus in die Wildnis.

Wir selbst folgen ihm nun auch schon eine Weile und konnten schon so manchen wertvollen Tipp von ihm bekommen.

1. Für alle, die Dich noch nicht kennen, kannst Du ein paar kurze Angaben zu Deiner Person machen?

Klar gerne, Annie. Ich bin 1981 geboren, also fast 40 Jahre alt, wohne in Berlin mit meiner Frau und meinen beiden Söhnen. Ich habe im Alter von 20 Jahren eine Ausbildung zum Koch abgeschlossen, dann mit 29 aber noch Informatik studiert und arbeite auch in dem Bereich noch – allerdings immer weniger, weil ich immer mehr meinen Weg in die Natur finde.

Wie oben schon erwähnt, war ich als Jugendlicher dem Wandern abgeneigt. Hätte mich meine Familie mehr selbst entscheiden lassen, hätte ich bestimmt eher zur Natur zurückgefunden. Das war nicht immer so: Das Lagerfeuer hat mich als Kind schon unheimlich fasziniert, daher habe ich über das Feuermachen dieses Jahr ein Buch veröffentlicht. Und das Werkeln mit Holz fand ich schon immer klasse: wie Baumhäuser bauen mit Schnitzen, Hämmern, Sägen. Deswegen zieht mich Bushcraft so an.

2. Was fasziniert Dich so an der Natur, daran, immer unterwegs zu sein und in Wald und freier Natur zu übernachten?

In der Natur zu sein, erdet mich. Ich fühle mich geerdet, im zweifachen Wortsinne – ich komme gefühlsmäßig runter und fühle mich der wirklichen Erde nahe. Ich merkte, dass ich zufriedener und glücklicher bin, wenn ich naturnah lebe und mich mehr in der Natur aufhalte. Der Stress und die Hektik der Großstadt sind oft schwer auszuhalten: Lärm, aggressive Menschen, Lichter und Lampen in der Nacht, die schlechte Luft. Also neben der Luftverschmutzung spricht man heute ja von Lärm- und auch Lichtverschmutzung. Bist du mal in einen tiefen Wald gegangen im Sommer? Die klare Luft und der Temperaturunterschied sind grandios. Auch echte Dunkelheit tut wirklich gut. 

Übernachten im Wald ist eindrucksvoll. Ich kann mich noch gut an die ersten Male erinnern, so allein in der Wildnis, keine Mauern um mich herum, keine Tür zum abschließen. Ich habe immer noch eine Portion Respekt davor, genieße aber vollkommen die Ruhe. Und wer nicht im Wald schläft, verpasst etwas: Das wilde Treiben der Tiere zur Dämmerung und in den Morgenstunden. Dort höre und sehe ich Vögel, die ich noch nie gesehen habe. Oder es kommen die Fledermäuse heraus. Natürlich raschelt es mal im Gebüsch. Aber wie so oft, haben die Tiere mehr Angst vor uns Menschen als wir vor ihnen. Viele Ängste gegenüber der Natur sind unbegründet. Als Autor, Blogger und Pädagoge versuche ich diese Ängste abzubauen.

3. Wo bist Du schon überall gewesen?

Früher war ich oft im Ausland im Urlaub mit der Familie, da konnte ich viel sehen. Und dann kamen die Kinder und ich habe gemerkt: Die brauchen keine Palmen, keinen Strand, keine Safari oder ein Luxushotel. Die brauchen eine gute Zeit mit ihren Eltern und anderen Kindern. Am besten ein ganzes Dorf. Daher reisen wir nicht mehr groß herum, weil erstens mein Umgebung so viel zu bieten hat und zweites ich nicht mit einem Flugzeug um die Welt fliegen will. Ich kann das nicht: In den Wald gehen, dort verweilen, mich verbinden mit der Natur und am nächsten Tag mit einer Kerosinschleuder drüber fliegen. Das passt für mich nicht zusammen.

4. Wie hast Du Dir all Deine Kenntnisse angeeignet?

Ich habe angefangen. Das ist was Wichtigste und kann ich nur jedem raten. Leg deinen Perfektionismus ab und fange an. Du wirst merken, ob dir eine Sache Spaß macht oder nicht. Und ich habe Dinge nachgemacht, denn ich bin sicher kein allwissendes Genie, das vom Himmel fällt. Alle Kenntnisse und Fähigkeiten gibt es schon, nichts wird neu erfunden. Bushcraft gab es schon immer. Unsere Vorfahren in Europa haben als Jäger und Sammler gelebt. Wer da nicht wusste, wie man sich Werkzeuge baut, Wasser und Nahrung findet, der war aufgeschmissen. Die letzten echten Bushcrafter sehen wir heute bei der Lebensweise der indigenen Völker. Die wissen genau, wie sie ihre Grundbedürfnisse decken.

Ray Mears oder Rüdiger Nehberg haben es mir besonders angetan. Diese beiden Überlebenskünstler besitzen eine geballte Ladung Wissen. Und Ray Mears steckt mich jedes mal wieder an mit seiner Begeisterung für alles, was er entdeckt. Er freut sich über kleinste Dinge und erkennt die tiefe Schönheit der Natur. Ich habe die Bücher dieser Autoren gelesen, ihre Videos gesehen, ihre Artikel gelesen. Es gibt so viele Informationen, dass ich gar nicht weiß, wann ich das alles noch machen soll. Ich habe sofort Hummeln im Hintern, wenn ich anfange ihre Texte zu lesen.

Und dann gehts raus, ausprobieren, üben, nachdenken, warum etwas nicht so gut ging, erneut versuchen. Ich nehme mir sogar vor, einmal pro Woche eine Fertigkeit zu üben. In den letzten Wochen war es das Feuerbohren. Nun werde ich diese Woche die wunderbar ausgewachsenen Brennnesseln dieser Jahreszeit schnappen und ihre Fasern zu Schnüren verarbeiten. Es gibt für mich ständig etwas zu lernen, das ist genial.

Und das ist auch der Unterschied zum Lernen in der Schule. Ich entscheide selbst, was ich lerne, und ich lerne durch Erfahrung. Ganz im Gegensatz zur Schule: Dort wird von oben herab gepredigt, wie von einer Kanzel. Die Schule ist ein zu starres Gerüst und interessiert du dich für etwas, musst du nach 45 Minuten abbrechen – denn länger geht eine Unterrichtsstunde nicht. Ich bin froh, dass ich das überwunden und herausgefunden habe, dass lernen unheimlich befriedigend ist und reichlich Spaß macht. Und wenn ich dann noch meine Erfahrungen weitergeben kann an andere Menschen, die dadurch der Natur näher kommen: Was gibt es denn Besseres?

5. Seit wann gibt es Deinen YouTube-Kanal und hast Du mit Deinem jetzigen Erfolg gerechnet?

Meinen Kanal gibt es seit Mai 2019 und ich veröffentliche unregelmäßig Videos. Inhalte, an denen ich arbeite und die ich für wichtig betrachte, wandle ich in ein Video um. Mein oberstes Ziel ist, dass der Zuschauer Anregungen mitnimmt, um seine Fähigkeiten in der Wildnis auszubauen. Großartig sind die Rückmeldungen von Zuschauern, die ich anregen konnte, in den Wald aufzubrechen. Egal, womit sie sich beschäftigen – das ist einfach wunderbar. Garantien gibt es nie, ich habe auf das Wachstum gehofft, da das Thema Survival und Bushcraft immer mehr Menschen interessiert.

6. Mit wem bist Du gern unterwegs wenn Du rausgehst oder gehst Du lieber allein?

Ich mag die Gesellschaft. Allein ein ganzes Wochenenden im Wald verbringen? Nur mit einem Stapel Büchern, die sich hier gesammelt haben. Ich gehe auch allein raus, aber dann hauptsächlich um Videos zu drehen, Fotos zu schießen, Fertigkeiten zu üben oder Theorien zu prüfen. Die Inhalte brauche ich für meine Arbeit: den Blog, meine Bücher und für die Kurse.

Die andere Hälfte der Zeit bin ich mit meinen beiden Söhnen und meiner Frau unterwegs. Wir drehen jeden Stein um, verfolgen jede Tierspur oder spielen einfach nur im Matsch. Es gibt so viel zu erfahren und meine Kinder stellen uns ständig Fragen. Sie bleiben bei jedem Käfer stehen, passen auf, dass keine Ameise zertreten wird und wollen Spuren von Tieren finden. Und es ist rührend, wenn sie uns Alte auf die Schönheit von Pflanzen aufmerksam machen.

Ich bin heilfroh, dass meine Kinder dieses natürliche Interesse an der Natur haben und will alles tun, dass ihnen das erhalten bleibt. Fragen stellen ist so unheimlich wichtig und ich würde niemals sagen, dass mich meine Kinder nerven. Das kindliche Interesse an der Welt müssen wir wiederentdecken und fördern. Viel zu viele Erwachsene haben aufgehört zu fragen. Viele haben außerhalb ihres Jobs keine Zeit oder Muße, sich Interessen anzueignen oder ihnen nachzugehen.

7. Wie sieht Deine Familie das, wenn Du so oft unterwegs bist? Was sagen sie dazu?

Wenn es geht, gehen sie mit. Ich versuche immer meine Kinder mitzunehmen, wenn es ein Tagesausflug wird. Im Wald zusammen schlafen geht noch nicht, will ich aber demnächst mit meinem großen Sohn (5) probieren. Ansonsten stimme ich mich mit meiner Familie ab und meine Frau unterstützt mich wo sie kann. Sie ist eh der Meinung, dass ich entspannter bin, wenn ich mich mehr mit Bushcraft, Naturwissen, Survival, Wildnispädagogik und den indigenen Völkern beschäftige. Ja, in der Tat, sie hat damit auch recht. Ich blühe im Alter noch einmal auf, weil ich einen Weg gefunden habe, der vielfältig und naturnah ist. Hinzu kommt, dass ich viele Fertigkeiten aus den Bereichen Bushcraft und Survival zusammen mit meinen Kinder üben kann. Die sind also nicht ausgegrenzt, sondern voll dabei. P. S. Mein zweites Buch, das ich derzeit schreibe, wird sich genau um dieses Thema drehen.

8. Bist Du geimpft, zum Beispiel FSME oder andere Dinge?

Ja, ich habe die Standardimpfungen. Tetanus wegen Verletzungen und den Rest habe ich aufgefrischt vor ein paar Jahren, weil meine Frau schwanger war. Gegen FSME war ich als Jugendlicher geimpft, habe es aber nicht mehr aufgefrischt. Da in meiner Umgebung rund um Berlin kein FSME-Risikogebiet ist, ist es nicht nötig. Würde ich in einem Risikogebiet wohnen, würde ich nicht lange warten mit der Impfung. Denn Zecken habe ich jedes Jahr aufs neue.

9. Übernachtest Du gern im Freien und wenn ja, was ist deine bevorzugte Art?

Definitiv. Am besten mit der Hängematte und mit freier Sicht in den Himmel. Letztens lag ich erst wieder in der Hängematte – es war noch hell – und merkte, wie lange ich nicht die Wolken beim vorbeiziehen betrachtet habe. Das muss ewig her gewesen sein. Ich erinnerte mich daran, dass ich das als Kind oft gemacht habe und hatte auf einmal dieses Kindheitsgefühl der Geborgenheit in mir.

Wenn es regnet oder windig ist, kommt das Tarp über die Hängematte. Der Blick ist dann nicht mehr so gut, aber besser als im Zelt oder unten auf dem Boden.

10. Was rätst Du Neulingen, die sich das erste Mal auf den Weg machen in der Wildnis zu übernachten oder generell noch keine Outdoor-Erfahrungen haben?

Pack nicht so viel ein. Fang langsam an. Plane mehr Zeit ein als du denkst. Bei den ersten Übernachtungen würde ich nicht mit Feuermachen anfangen oder Kochen. Ein Sandwich reicht aus. Und dann reicht ein Biwacksack, eine Hängematte und ein Tarp. Bau alles in Ruhe auf und versuche die Ruhe zu genießen.

Kauf nicht gleich die teuren Sachen. Vielleicht kannst du dir auch eine Hängematte bei Freunden borgen für die ersten Nächte. Und unterschätze die Mücken im Sommer nicht. Ohne Insektennetz sind manche Gegenden in Deutschland schwer auszuhalten.

Und dann würde ich mich für die erste Nacht im Wald mit jemandem verabreden. Zu zweit macht es mehr Spaß und du fühlst dich sicherer. In meiner Gefährtensuche auf meiner Website kannst du zum Beispiel nach Leuten suchen oder du knüpfst bei Instagram Kontakte. Dort habe ich schon viele sympathische Menschen kennengelernt. Die dritte oder vierte Frage war dann oft: Wo wohnst du? Können wir mal zusammen durch die Wildnis ziehen?

11. Welche Outdoor-Aktivitäten betreibst Du neben dem Survival, Bushcraft etc. sonst noch?

Ich fasse das mal grundsätzlich zusammen: Ich interessiere mich für alles in der Natur. Für handwerkliche Tätigkeiten, für das Leben in einem Ameisenhaufen, wie die Bäume kommunizieren oder wie meine Vorfahren ganz urtümlich in der Natur gelebt haben. Klar gehe ich auch gerne wandern, ich liebe es aber auch, einfach nur im Wald umherzustreifen. Und dann lasse ich mich treiben von meinen Sinnen. Was knackt da? Dort schaue ich genauer nach. Was sehe ich dort hinten bei dem Hügel? Ist das ein Fuchs oder ein Dachs? Da muss ich sofort nachschauen. Ist das eine Kiefernwurzel? Dann muss ich da erstmal bleiben und nach Kienspan schauen. Ich nenne es kindliche Neugier und natürliches Interesse an meiner Umwelt. Diese Fähigkeiten versuche ich mir wieder anzueignen und es macht unheimlich Spaß. Bist du neugierig, kommt der Rest von allein – du wirst die Welt entdecken und kennenlernen.

12. Hast Du Pläne oder Ziele bezüglich Deiner Outdoor-Aktivitäten und Deines YouTube-Kanals für die nächsten Jahre? Wie sehen diese aus?

Oh ja, ich will meine Fertigkeiten und Fähigkeiten ausbauen. Meine Sinne schärfen. Meine Beziehung vertiefen zu den Tieren, den Wald, den Pflanzen und zu anderen Menschen. Wie das konkret aussieht: Ich werde meine Wildnispädagogik-Ausbildung ganz offiziell anfangen und beenden. Die Grundlagen dazu habe ich mir schon selbst angeeignet. Dann erscheint mein zweites Buch Anfang nächsten Jahres und es wird bestimmt noch eines folgen. Ich werde weiterhin Outdoor-Kurse unterstützen und habe vor, selbst welche zu geben – in Gemeinschaft mit anderen Wildnispädagogen und Outdoor-Liebhabern.

13. Was möchtest Du gerne Deinen Followern und zukünftigen Followern noch mit auf den Weg geben?

Die Menschheit hat ein Problem, das sie sich selbst zuzuschreiben hat. Wir zerstören unseren eigenen Lebensraum. Kein anderes Tier auf der Erde handelt so verantwortungslos. Würden wir Intelligenz daran messen, wie nachhaltig jemand auf der Erde lebt, wären wir Menschen die dümmsten Lebewesen auf dem Planeten.

Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Wenn es also eine Zeit gibt, in der wir umdenken müssen, dann jetzt.

Schon viele Menschen sind nicht mehr nur Touristen im Wald. Sie möchten ihre vergessene und verlorene Verbindung zur Natur wieder herstellen.

Die Fähigkeiten des Bushcraftings verbinden uns auf eine sehr enge Weise mit unserer Erde. Das ist etwas, was wir wirklich lernen und weitergeben müssen. An unsere Kinder und auch die Erwachsenen, die wir brauchen, um die Menschheit zum Umdenken zu bewegen.

Wie müssen die Natur wieder wie die indigenen Völker betrachten. Nur so können wir sie schützen und die Tierwelt und uns gegenseitig respektieren.

Keiner muss zurück in die Steinzeit, doch wir müssen endlich wieder maßvoll leben. Und das funktioniert auch mit Spaß und ohne das Gefühl zu haben, etwas zu verlieren.

Ich denke sogar, dass die Menschen wieder lebendiger werden, klarer und mündiger und mehr Vertrauen in sich selbst gewinnen. Jeder kann sofort und ohne weiteres starten, indem er Vorbild wird.

Wir haben die Wahl zu entscheiden, wie wir leben wollen.

SWO: Vielen Dank, dass Du uns dieses Interview gegeben hast und viel Erfolg weiterhin und vor allem, ganz wichtig, weiterhin viel Spaß bei allem was Du noch vorhast.

Martin: Annie, ich danke dir auch für deine Zeit und dein Interesse an meiner Arbeit.

Möchtet ihr mehr über Martin Gebhardt erfahren, dann besucht seine Website survival-kompass.de oder folgt ihm bei Instagram. Wir können es euch sehr empfehlen.

Author: Annie

Geboren im Januar 1977, erster Campingurlaub mit den Eltern 1978 in Steckelsdorf in einem ausgebauten Bauwagen, ab 1979 dann Camping in einem Klappfix CT 6-1 Trigano. Dann regelmäßig Camping an der Ostsee (Zinnowitz/Usedom), Prerow und andere Orte in Mecklenburg. Aber auch in der Tschechei. Heutzutage gehe ich gerne und viel wandern und erkunde viele Outdoor Aktivitäten mit Neugier und Spaß.

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